Mobbing in der Lehre: Ein persönlicher Rückblick auf knapp zwei Jahre

Diese Seite ist seit 2020 fertig, nach dem ich sie mir immer und immer wieder durch gelesen habe, habe sie erst zum Frühlingsanfang 2025 für die Öffentlichkeit freigeschaltet. Das Beitragsbild ist meine alte Lehrwerkstatt auf der Saigerhütte in Hettstedt. Dort liegt alles brach seit der Wende.

Mein Arbeitsleben hat mit der Lehre 1983 begonnen. Der Lehrberuf war Zerspanungsfacharbeiter mit 2 Jahren Ausbildungszeit. In der ehemaligen DDR waren die Ausbildungszeiten meist 2 Jahre.

Diesen Lehrberuf hatte mein Vati besorgt, über einen guten Bekannten. Mein Vater war im Haus der Pioniere „Ernst Fügener“ in Hettstedt angestellt. Das Ganze gehörte zur Abteilung Volksbildung beim Rat der Stadt Hettstedt. Vorher war er in der Stadion Junger Techniker in Mansfeld. Er liebte seine Arbeit und ist richtig aufgeblüht darin. Er hat es geliebt mit vielen Menschen (Kindern & Jugendlichen) zu arbeiten.

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, warum ich mir keine Lehrstelle eigenverantwortlich gesucht habe. Ich glaube, meine Eltern wollten mir nur helfen. Sie machten sich wahrscheinlich mit verantwortlich an dem schlechten Abschlusszeugnis, welches ich hatte. Na ja meine Mutti hat in 3 Schichten in der Lackdrahtabteilung des VEB Walzwerk Hettstedt (ca. 10000 Mitarbeiter) gearbeitet, es muss ein Knochenjob gewesen sein. Mein Vati war zwischen 07.00 Uhr und 17.00 Uhr auch außer Haus. Viel Zeit, um mit mir zu lernen, war da nicht. Ich habe früh gelernt mich selbst zu beschäftigen und das Ganze ohne Gameboy, Handy und Computer. Ich hatte dafür ein Klapprad, ein kleines Wäldchen hinter dem Dorf und die Schachthalde. Im Winter gab’s Bücher und immer Schnee zum Schlitten fahren.

Am 01.09.1983 fing ich mit der Lehre an. Ausgebildet wurde ich in der Saigerhütte in Hettstedt, da der Betrieb (Elmet Hettstedt) in dem ich angefangen hatte, zu klein war, um die eigenen Lehrlinge dort auszubilden. Ich hatte anfangs 3 Tage theoretischen Unterricht und 2 Tage praktische Ausbildung. Die Maschinen in der Lehrwerkstatt erinnerten an Vorkriegszeiten, eine oder auch zwei Maschinen waren neueren Ursprungs. Die Ausbildungsklasse bestand aus 10 Lehrlingen, 2 Mädels und 8 Jungs. Ich bin nie wirklich dort angekommen, muss ich heute feststellen. Der Lehrmeister war damals schon Anfang 60, Herr Wernecke. Von Anfang an wusste ich, dass ich mit diesem Mann nicht klar kommen werde, es bestätigte sich dann auch so. Er war, es lässt sich schwer in Worten ausdrücken, er hatte seinen eingefahrenen Weg und konnte nicht von der Geradlinigkeit abweichen. Für mich war er unnahbar.

Ich merkte sehr schnell, dass ich anders bin als die anderen 7. Ich stand sehr nah am Wasser, konnte mich nicht vernünftig verteidigen, wenn ich verbal angegriffen wurde. Es wurde, je länger ich dort war immer schlimmer. Ich wusste, bei den Späßen, die gemacht wurden, nie genau war es ernst gemeint oder wirklich nur Spaß, wurde meist ausgegrenzt und war immer froh nach Feierabend endlich nach Hause zu können, falls man mir nicht die Luft aus den Reifen meiner MZ TS 150 gelassen hatte, funktionierte es auch.

Nach ca. einem halben Jahr wurde dann aus dem theoretischen Unterricht von 2 Tagen nur noch 1 Tag. Aber es gab anderweitig Abwechslung, man war nun 14 Tage am Stück in dem Betrieb, in dem man nach der Lehre arbeiten sollte. Bei mir war das der VEB Elmet Hettstedt. Dort wurde ich im Werkzeugbau eingesetzt und auch dort hatte ich einen Ausbilder, dieser war deutlich jünger als Herr We., ich schätze ihn heute auf Mitte 30.

Aber auch er war in meinen Augen nur ein Wichtigtuer, auch wenn er sicher gut in seinem Beruf war. Menschlich war auch er überfordert mit mir, da ich nun mal nicht so mit Kritik umgehen konnte, bin ich oft „angeeckt“. Mal waren ihm meine Haare zu fettig, mal meine Fingernägel zu lang.

Mir fiel es von Tag zu Tag schwerer auf Arbeit zu fahren. Ich hatte so einen Hass auf diesen Mann.

Ich konnte dies leider nicht zu Hause bereden, meine Eltern hätten mich nicht verstanden.

Irgendwann im März 1984 hab ich es nicht mehr ausgehalten, dass ewige rumgenörgele, diese Provokationen der Ausbilder, der Mitlehrlinge. Da bin ich zum Arzt gegangen und im damaligem Landambulatorium in Mansfeld war unser Allgemeinmediziner der Herr Dr. Thieme, dieser hat mich zwei Wochen krank geschrieben mit Verdacht auf Magen/Darm. Mir ging es von Tag zu Tag besser. Ich hatte keine Magenprobleme mehr, ich konnte endlich nachts wieder durchschlafen, meine Herzschmerzen waren weg, bis zu dem Tag als ich wieder auf Arbeit sollte. Ich konnte die Nacht nicht schlafen, ich war durchweg wach. Am Morgen bin ich dann wieder zum Arzt, er meinte wenn es noch immer nicht besser ist müsste er mich nochmal eine Woche zu hause lassen. Danach müsste es aber wieder gehen sonst müsste ich ins Krankenhaus.

Die eine Woche verging wieder viel zu schnell. Und wieder konnte ich in der Nacht bevor ich auf Arbeit musste nicht schlafen. Am Morgen bin ich aufgestanden, habe mir meine Brote geschmiert, bzw. die von meinem Vater am Abend davor geschmierten Brote in die Tasche gepackt. Bin in die Garage zum Motorrad und bin pünktlich losgefahren. Je näher ich meinem Betrieb kam je schlimmer zog sich mein Magen zusammen.

Ich war kurz davor in die Straße einzubiegen, irgendwie habe ich es nicht geschafft und bin vorbei gefahren. Mir ging es von Kilometer zu Kilometer die ich mich vom Betrieb entfernt habe besser. Ich bin einfach so rum gefahren, hab mir unterwegs was zu trinken gekauft und meine Brote am Wegesrand verspeist. Es war ein schöner sonniger Frühlingstag. Pünktlich zum Feierabend bin ich dann auch zu hause wieder angekommen. Meine Mutter hatte Schicht und mein Vater war auch nicht da. Keiner wusste das ich nicht im Lehrbetrieb war, trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl.

Am nächsten Morgen bin ich wieder pünktlich weg, wieder einfach nur rum gefahren. Wenn das Wetter schlecht war bin ich mit dem Bus gefahren. Der Bus fuhr bis Halle(Saale), meist war ich dort dann gegen 9.00 Uhr, bin durch die Stadt geschlendert. Habe im Delikatladen oder Centrumwarenhaus Artikel bekommen die es in unserer Kreisstadt nicht gab, meine Eltern freuten sich jedes Mal. Ich sagte dann natürlich das ich es in Hettstedt (Kreisstadt und Lehrbetriebsstandort) bekommen habe. Das ging ca. 2 Wochen so weiter, dann an einem Mittwoch glaube ich waren meine Mutti und ich gerade hinter dem Haus und haben Wäsche aufgehangen als plötzlich von vorn jemand unseren Familiennamen gerufen hatte. Ich lief vor und erschrak fürchterlich, der Herr Wernecke, mein Lehrmeister stand da. Ich muss noch hinzufügen, damals hatten nur privilegierte Menschen ein Telefon, wir nicht. Daher hat sich vorher niemand telefonisch erkundigen können, was mit mir los ist.

Naja da kam alles raus. Ich wurde von meinen Eltern mit Fernsehsperre und Hausarrest bestraft. Am nächsten Morgen durfte ich nicht mit dem Motorrad auf Arbeit fahren sondern musste den Bus nehmen. Mein Magen fühlte sich an als würde er sich gleich verabschieden wollen und ohne mich verschwinden, was er dann glücklicherweise nicht tat. Ich fuhr also mit dem Bus, bin aber nicht am Betrieb ausgestiegen sondern weiter gefahren, meine Übelkeit war weg aber ein anderes Gefühl war nun da.

Was habe ich jetzt schon wieder gemacht und warum habe ich es gemacht. Ich war hin und her gerissen von den Gefühlen. Was passiert jetzt, die Angst in den Betrieb zu gehen war so stark das ich es nicht schaffte. Ich fuhr mit dem Bus bis zur Endhaltestelle, diese war in Lutherstadt Eisleben. Ich ging wieder durch die Stadt und wusste nicht was ich machen sollte. Nach hause konnte ich nicht mehr aber in den Betrieb auch nicht, ich war in einer Zwickmühle. Die Stunden vergingen, es war so 16 Uhr als ich in meinem Heimatort wieder ankam. Ich lief in den Konsum und deckte mich mit Essen und Trinken für den Abend ein, dann ging ich in das Wäldchen von wo ich mein Elternhaus sehen konnte.

So gegen 22 Uhr bin ich dann an meinem Elternhaus angekommen, drum herum geschlichen, dass Kellerfenster stand offen, da bin ich über den Kohlenberg rein gestiegen. Natürlich konnte ich nicht weiter da ja die Kellertür abgeschlossen war, so bin ich wieder raus. Ich wollte bei meinen Eltern sein, hatte aber unheimliche Angst was nun, nachdem ich wieder nicht zum Lehrbetrieb gegangen war, passierte. Irgendwann, ich denke mal es muss 23.30uhr gewesen sein, da bin ich dann in die 3.Etage hoch und hab an der Wohnungstür geklingelt, obwohl ich einen Schlüssel hatte.

Was dann passierte…..meine Eltern waren froh das mir nichts passiert war. Das sagten sie mir aber nicht, ich fühlte es. Natürlich wussten sie das ich nicht auf Arbeit war. Meine Eltern drohten mir mit einer Unterbringung im Jugendwerkhof. Es wurde wieder nach dem warum gefragt und so weiter, den nächsten Morgen fuhr mich mein Vati höchstpersönlich zur Arbeit und brachte mich in das Lehr-Büro.

Als ich dann zur morgendlichen Ansprache des Lehrmeisters im Büro stand, konnte ich niemanden in die Augen schauen. Ich habe die mir übertragenen Aufgaben ohne jeglichen Regungen erledigt. Irgendwann gab es eine Aussprache mit dem Kollektiv, natürlich konnte ich nicht sagen warum ich es gemacht habe.

Es änderte sich nichts, ich bekam eine Verwarnung und weiter ging das Mobbing, schlimmer als vorher. Dann kam dazu das ich zu Hause überwacht wurde von meinen Eltern. Das Motorrad wurde weggeschlossen, in den Betrieb ging’s mit dem Bus. Fernsehen überhaupt nicht mehr.

Ich habe zwar versucht meinen Eltern zu erklären warum ich nicht gern in den Lehrbetrieb gehe, aber verstanden haben sie es nicht. Ich habe mich immer weiter eingeigelt. Das ging so bis 26.07.1984, da war es so schlimm mit dem mobben und den Sticheleien das ich es nicht mehr aushielt. Bin zum Arzt, natürlich wieder wegen Magen/Darm. Diesmal gabs 5 Tage, danach sollte ich wieder zur Lehre gehen. Ich konnte nicht und bin am darauf folgenden Montag wieder zum Doc, ich wurde noch eine Woche krank geschrieben. Danach musste ich wieder in die Hölle, habe es nur eine Woche ausgehalten. Bin dann erneut zum Arzt und war fast den gesamten September krank.

Es änderte sich nichts, weder im Lehrbetrieb noch zu Hause. Ich wurde immer schlechter in der Lehre. Da ich nun das Ziel der Lehre nicht mehr erreichen würde, wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet und meine Lehre abgebrochen mit der Begründung „Verletzung der sozialistischen Arbeitsmoral“ Und damit verbunden das Nicht erreichen des Ausbildungsziels.

Aufhebung Lehrvertrag

Man steckte mich in eine Abteilung des VEB Elmet Hettstedt, wo der berühmte „Ladefix“ hergestellt wurde. Dort hat mir die Arbeit das erste Mal im Leben Spaß gemacht, es waren auch alles Frauen die dort gearbeitet haben. Mein zusätzliches X-Chromosomen konnte sich entfalten und ich musste nicht mehr den „Mann“ beweisen.

Ich stieg zum Einrichter auf und ging meinen Weg. 1988 habe ich angefangen eine neue Ausbildung zu machen, zum Elektronikfacharbeiter. Es fiel mir aber auch hier sehr schwer dem Unterricht zu folgen. Es waren ca. 15 Leute in der Klasse, eine betriebsinterne Ausbildung nach der Arbeit. Der Unterrichtsstoff wurde für mich wieder viel zu schnell vermittelt, ich brauche mehr Zeit um verschiedene Sachen aufzunehmen. Dann kam die Wende, ich weiß nicht ob ich diesmal den Facharbeiterabschluss gepackt hätte. Auf jeden Fall wurde ich nicht gemobbt, da ich mit den Kollegen schon eine Weile zusammen arbeitete und sie mich kannten.