Er wartete.
Nicht lange – zumindest glaubte er das. Doch in diesem Flur schien Zeit eine andere Bedeutung zu haben. Das Summen der Neonröhren wurde gleichmäßig, dann wieder unregelmäßig, als würde es atmen.
„Hallo?“ wiederholte er leiser.
Seine Stimme klang fremd. Zu dünn für den Raum, der sie verschluckte, bevor sie richtig entstehen konnte.
Er zwang sich, einen Schritt nach vorn zu machen.
Der Kies von draußen war längst verschwunden, ersetzt durch einen Bodenbelag, der weder neu noch alt wirkte. Eher… zeitlos. Jeder Schritt hallte zu spät nach, als würde der Klang erst nach ihm entscheiden, ob er existieren durfte.
Die erste Tür auf der linken Seite stand einen Spalt offen.
Er erinnerte sich nicht daran, ob sie das vorher auch getan hatte.
Langsam näherte er sich.
Drinnen: ein Büro. Stuhl, Schreibtisch, ein Computerbildschirm – schwarz. Alles wirkte bereit, benutzt zu werden, und gleichzeitig so, als hätte es seit Jahren niemand berührt.
Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier.
Er griff es nicht sofort.
Stattdessen hatte er das Gefühl, dass etwas im Raum ihn daran hinderte, zu schnell zu handeln. Als würde jede Bewegung beobachtet werden – nicht von Augen, sondern von dem Ort selbst.
Schließlich nahm er das Blatt.
Darauf stand nur ein Satz:
„Du bist pünktlich. Das ist selten.“
Er schluckte.
„Ist hier jemand?“, fragte er erneut, diesmal schärfer.
Keine Antwort.
Doch als er sich umdrehte, war die Tür hinter ihm nicht mehr einen Spalt offen.
Sie war vollständig geöffnet.
Und der Flur wirkte länger.
Unmöglich länger.
Als hätte sich der Raum selbst gedehnt, während er nicht hingesehen hatte.
Ein kalter Hauch strich durch den Gang, obwohl kein Fenster offen war.
Er trat zurück in den Flur.
Die Neonlichter flackerten.
Einmal. Zweimal.
Dann blieb eines ganz aus.
In der plötzlichen Dämmerung sah er es zum ersten Mal deutlich:
Am Ende des Korridors stand eine Gestalt.
Reglos.
Zu weit entfernt, um Details zu erkennen – und doch eindeutig da.
Er blinzelte.
Für einen Sekundenbruchteil war sie verschwunden.
Dann wieder da.
Ein Schritt näher.
Oder hatte er sich bewegt?
Sein Herz schlug schneller.
„Das ist nicht lustig“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu irgendwem.
Die Antwort kam nicht in Worten.
Stattdessen ging das Licht hinter ihm aus.
Und als er sich ruckartig umdrehte, war die Tür zu dem Büro geschlossen.
Nicht nur geschlossen.
Sie hatte kein Schloss mehr.
Keinen Griff.
Nur eine glatte Wand, als wäre sie nie dort gewesen.
Der Flur war nun in völlige Stille getaucht.
Kein Summen.
Kein Echo.
Nur er.
Und die Gestalt am Ende des Ganges, die nun einen weiteren Schritt machte.
Diesmal war er sich sicher.
Sie kam näher.
Die Gestalt im Flur löste sich, als hätte sie sich nie entscheiden können, ob sie wirklich existieren wollte.
„Ben…?“
Fortsetzung folgt…….

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