Kapitel 3: Atmosphäre

„Ah, da bist du ja“, sagte eine Stimme.

Der Druck in seiner Brust ließ ein kleines Stück nach.

Es war sein Boss. Ben.

Ganz normal. Kein Schatten, kein Phantom – nur ein Mann gehobenen Alters mit ruhigem Blick, der so wirkte, als gehöre er in genau dieses Gebäude, egal wie falsch es sich noch vor wenigen Minuten angefühlt hatte.

„Du hast dich wohl schon etwas umgesehen“, sagte Ben mit einem leichten Lächeln und deutete auf den Flur.

Er nickte zögerlich. „Ja… ich war kurz verunsichert. Die Atmosphäre hier ist… ungewöhnlich.“

Ben lachte leise. „Das sagen viele am Anfang. Du gewöhnst dich dran.“

Das Wort gewöhnst blieb einen Moment in seinem Kopf hängen, ohne dass er sagen konnte warum.

Sie gingen gemeinsam den Gang entlang. Und diesmal wirkte er kürzer.

Die Türen standen noch immer da, das Licht flackerte gelegentlich, aber etwas an der Szene hatte sich verändert: Die Stille fühlte sich weniger beobachtend an. Eher… erwartend.

Bens Büro war schlicht eingerichtet. Ein großer Schreibtisch, zwei Stühle, ein Regal mit Aktenordnern, die in perfekter Ordnung standen.

„Setz dich“, sagte Ben.

Er gehorchte.

Die nächsten Minuten verliefen fast normal.

Formulare. Verträge. Einweisung in Abläufe.

Dann wechselte das Gespräch, als hätte jemand einen unsichtbaren Schalter umgelegt.

„Wir sind hier ein kleines Team“, sagte Ben und lehnte sich zurück. „Jeder kennt jeden. Das ist wichtig.“

Er nickte.

„Und du wirst schnell merken, wer hier welche Rolle hat.“

Ben lächelte dabei, aber sein Blick wurde dabei etwas kühler.

Kurz darauf öffnete sich die Tür.

Seine neuen Teamplayer traten nacheinander ein.

Ruth zuerst, freundlich, fast zu freundlich, als würde sie ihre Stimmung bewusst anpassen.

Jaqueline folgte, ruhig, mit einem Blick, der alles zu registrieren schien, aber nichts verriet.

Kessy wirkte abwesend, als wäre sie gleichzeitig hier und woanders.

Betty, Nancy, Vicky und die anderen kamen nach und nach und stellten sich vor.

Dann kam Gabriel.

Kathe trat zuletzt ein.

Und der Raum veränderte sich.

Nicht sichtbar – aber spürbar.

Es war, als würde die Luft dichter werden.

Sie blieb nicht stehen wie die anderen. Sie nahm den Raum ein, ohne sich dafür zu bewegen.

Ihr Blick traf seinen direkt.

Und er hatte sofort dieses Gefühl.

Nicht neu.

Nicht unbekannt.

Eher wie eine Erinnerung, die man nie bewusst erlebt hatte, aber trotzdem erkennt.

Bei Kathe hatte er das Gefühl, sie würde hier die Firma leiten und alle anderen wären ihr untergeben.

Und dann war da noch etwas anderes.

Etwas in ihrem Gesicht, das sich nicht festlegen ließ.

Zwei Versionen gleichzeitig.

Die eine freundlich, beinahe warm.

Die andere kalt, kontrollierend – als würde sie ihn bereits bewerten, nicht als neuen Mitarbeiter, sondern als Variable in einem Experiment.

Er schluckte.

Dieses Ziehen in seinem Inneren verstärkte sich.

Ein Gefühl, das er schon kannte.

Nicht oft.

Aber genug, um es zu fürchten.

Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte – obwohl alles exakt so aussah, wie es sollte.

Kathe hielt seinen Blick einen Moment zu lange.

Dann lächelte sie.

Oder war es ein anderes Gesicht, das lächelte?

Er konnte es nicht sagen.

Ben räusperte sich. „Das ist unser Team.“

Die anderen nickten ihm zu.

Einstudiert.

Gleichzeitig.

Fast synchron.

„Sie werden dich einarbeiten“, fuhr Ben fort.

Gabriel ist dein direkter Vorgesetzter.

Doch er hörte kaum noch zu.

Sein Blick blieb an Kathe hängen.

Und tief in seinem Inneren spannte sich etwas weiter an.

Nicht Angst.

Noch nicht.

Eher das leise, unangenehme Wissen, dass er gerade etwas betreten hatte, das ihn bereits kannte.

Fortsetzung folgt…….

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Klinefelterpsyche

Unbewusst des Gendefektes durch das Leben gestolpert. Gedacht, man ist nicht normal. Von allen Seiten gehört, man wäre nicht normal. Und trotzdem immer weitergemacht. Erst mit 51 Jahren erfahren, dass ich das Klinefelter-Syndrom (Mosaikform) habe. Jetzt weiß ich, warum ich so bin, wie ich bin, so handele, wie ich handele, meine Beziehungen so sind, wie sie sind. Ich bin nicht unnormal, ich bin einfach nur anders.

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