Kapitel 6: Die Puppe mit den zwei Gesichtern

Kathe war anders als die anderen.

Nicht auf eine offensichtliche Weise. Nicht laut, nicht auffällig, nicht in dem Sinne, dass man sie sofort hätte benennen können. Es war eher etwas, das sich erst zeigte, wenn man länger hinsah. Wenn man begann, Muster zu erkennen, wo andere nur Alltag sahen.

Sie war da – und gleichzeitig nicht ganz da.

Auf der einen Seite war sie nur eine Mitarbeiterin unter vielen. Eingebunden in Abläufe, Gespräche, Routinen. Freundlich, kontrolliert, funktional. Eine Figur im System, die genau wusste, wann sie zu sprechen hatte und wann nicht.

Auf der anderen Seite jedoch hatte sie alle Fäden in der Hand.

So fühlte es sich zumindest für ihn an.

Ihre Blicke trafen ihn oft – zu oft. Durchdringend, abwägend, als würde sie jede seiner Bewegungen nicht nur sehen, sondern bewerten. Und egal, was er tat, es wirkte, als wäre es falsch. Als würde er in einem Spiel mitspielen, dessen Regeln sich ständig änderten.

Kathe war es gewesen, da war er sich sicher, die ihn von Anfang an nicht dabei haben wollte.

Nicht offen. Nicht direkt.

Aber spürbar.

Sie sprach mit den beiden Chef’s in einem Ton, der vertraut wirkte. Eingespielt. Als würde sie nicht berichten, sondern lenken. Ihre Worte hatten Gewicht, selbst wenn sie leise ausgesprochen wurden. Und wenn sie mit den Kolleginnen sprach, war da diese gleiche Selbstverständlichkeit – als würden alle unbewusst akzeptieren, dass sie den Rahmen setzte, in dem sich alles bewegte.

Nur bei ihm war es anders.

Oder er glaubte, dass es anders war.

Denn Kathe hatte zwei Gesichter.

Eines, das alle anderen sahen – ruhig, sachlich, angepasst an die Struktur des Hauses. Und ein anderes, das nur er wahrzunehmen glaubte. Ein Gesicht, das sich in kleinen Momenten zeigte: in einem zu langen Blick, in einem kaum merklichen Zucken der Mundwinkel, in der Art, wie Stille plötzlich schwer wurde, wenn sie den Raum betrat.

Er begann, Dinge zwischen den Zeilen zu lesen, die niemand sonst zu bemerken schien.

Vielleicht war es seine Art, die Welt zu filtern. Vielleicht lag es auch daran, dass er sich schon immer anders wahrgenommen hatte – geprägt durch seine eigene körperliche Besonderheit, das zusätzliche X-Chromosom, das er mit sich trug, verbunden mit dem Klinefelter-Syndrom.

Er hatte gelernt, genauer hinzusehen. Zwischen Worte zu hören. Bedeutungen zu suchen, wo andere sich mit dem Offensichtlichen zufriedengaben.

Doch hier im Haus schien genau das gefährlich zu sein.

Denn je mehr er glaubte zu erkennen, desto stärker wurde das Gefühl, dass die Grenzen zwischen Realität und Interpretation verschwammen.

Kathe sagte einmal seinen Namen.

Nur seinen Namen.

Nicht freundlich. Nicht feindlich.

Einfach nur feststellend.

Und in diesem Moment war er sich sicher, dass er in ihrem zweiten Gesicht etwas gesehen hatte, das niemand sonst je sehen sollte.

Oder wollte.

Fortsetzung folgt…..

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Klinefelterpsyche

Unbewusst des Gendefektes durch das Leben gestolpert. Gedacht, man ist nicht normal. Von allen Seiten gehört, man wäre nicht normal. Und trotzdem immer weitergemacht. Erst mit 51 Jahren erfahren, dass ich das Klinefelter-Syndrom (Mosaikform) habe. Jetzt weiß ich, warum ich so bin, wie ich bin, so handele, wie ich handele, meine Beziehungen so sind, wie sie sind. Ich bin nicht unnormal, ich bin einfach nur anders.