Kapitel 7: Das Nadelkissen

Gabriel war Anfang sechzig, und wenn man ihn auf dem Flur sah, wirkte er wie jemand, der längst alles erreicht hatte. Sein Gang war leicht nach vorn gebeugt, seine Bewegungen kontrolliert, fast militärisch präzise. Das helle Haar lag sorgfältig gekämmt über seiner hellen Kopfhaut, als könne Ordnung im Äußeren auch die letzten Unruhen im Inneren glätten. Doch ganz angekommen war er nie.

Im Büro nannte man ihn hinter vorgehaltener Hand den „kleinen General“. Nicht aus Bosheit – eher aus einer Mischung aus Respekt und vorsichtiger Distanz. Gabriel war der zweite Chef, der Mann hinter den Entscheidungen, derjenige, der sie umsetzte. Und wie er sie umsetzte: mit einer Perfektion, die kaum Spielraum für Fehler ließ. Seine Abläufe waren durchdacht, seine Pläne wasserdicht. Wenn Gabriel etwas übernahm, dann wurde es gut. Immer.

Freundlich war er auch. Zumindest auf den ersten Blick. Ein Lächeln, ein Nicken, ein höfliches „Guten Morgen“. Doch wer länger mit ihm arbeitete, merkte schnell, dass hinter dieser Freundlichkeit ein harter Kern lag. Wenn jemand widersprach oder seine Vorstellungen infrage stellte, konnte Gabriel laut werden – nicht unkontrolliert, aber scharf genug, dass jedes weitere Argument im Raum zu schrumpfen schien.

Mit neuen Kollegen tat er sich besonders schwer. Er wusste, dass man von ihm erwartete, sie einzuarbeiten, sie mitzunehmen, ihnen Sicherheit zu geben. Und er versuchte es auch – auf seine Weise. Doch seine Geduld war begrenzt, sein Blick oft prüfend, selten ermutigend. Menschlichkeit war für ihn kein Werkzeug, das er sicher beherrschte.

Am deutlichsten zeigte sich das in den Einstellungsgesprächen.

Wer Gabriel gegenübersaß, fühlte sich selten willkommen. Der Raum war still, zu still. Gabriel blätterte durch die Unterlagen, hob dann den Blick und begann. Seine Fragen kamen präzise, schnell – und sie trafen. Keine warmen Einstiege, kein vorsichtiges Herantasten. Stattdessen direkte, spitze Formulierungen, die jede Unsicherheit bloßlegten.

„Warum haben Sie dort wirklich aufgehört?“
„Was genau qualifiziert Sie für diese Position – konkret?“
„Was machen Sie, wenn Sie scheitern? Und bitte keine Floskeln.“

Es war, als säße man einem Nadelkissen gegenüber – dicht bestückt mit feinen, scharfen Nadeln. Jede Frage ein kleiner Stich. Nicht tief genug, um zu verletzen, aber deutlich genug, um Unruhe zu erzeugen.

Gabriel nannte das Effizienz. Andere nannten es unangenehm.

Zuhören konnte er auch – irgendwie. Wenn ihn etwas interessierte, war er aufmerksam, stellte nach, hakte ein. Dann wirkte er fast lebendig, fast neugierig. Doch sobald das Gesagte für ihn an Relevanz verlor, wanderte sein Blick. Er nickte noch, aber seine Gedanken waren längst woanders, bei Tabellen, Zahlen oder der nächsten Entscheidung.

Und doch gab es Momente, seltene, in denen Gabriel innehielt. Wenn ein Bewerber trotz der „Nadelstiche“ ruhig blieb. Wenn jemand nicht auswich, sondern ehrlich antwortete. Dann legte sich für einen Augenblick etwas Weicheres über seine Züge.

Vielleicht, ganz vielleicht, war das der Teil von Gabriel, der noch suchte. Der Teil, der wusste, dass Perfektion nicht dasselbe ist wie Ankommen.

Aber diese Momente vergingen schnell.
Und am Ende des Gesprächs blieb meist nur das Gefühl zurück, ein Nadelkissen verlassen zu haben – erleichtert, aber noch ein wenig pieksend im Inneren.

…Fortsetzung folgt

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Klinefelterpsyche

Unbewusst des Gendefektes durch das Leben gestolpert. Gedacht, man ist nicht normal. Von allen Seiten gehört, man wäre nicht normal. Und trotzdem immer weitergemacht. Erst mit 51 Jahren erfahren, dass ich das Klinefelter-Syndrom (Mosaikform) habe. Jetzt weiß ich, warum ich so bin, wie ich bin, so handele, wie ich handele, meine Beziehungen so sind, wie sie sind. Ich bin nicht unnormal, ich bin einfach nur anders.

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