Behördenalltag (2020 – 2022) – Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Einstieg und Befristung

Seit gut einem halben Jahr arbeite ich bei einer Behörde – leider nur auf einer befristeten Stelle, die bisher einmal verlängert wurde, aber nun bis zum 31.12.2021 läuft. Trotz der Unsicherheit macht mir die Arbeit viel Freude. Neue Themen erfordern zwar mehr Zeit zur Einarbeitung, aber grundsätzlich mag ich die Aufgaben.

Doch gerade der Umgang mit Zahlen und das Erstellen von Rechnungen sind herausfordernd für mich. Manchmal habe ich das Gefühl, nicht voranzukommen, auf der Stelle zu treten. Aufgeben will ich trotzdem nicht – endlich etwas mehr Geld als die üblichen Almosen hier im Osten zu verdienen, bedeutet mir viel.

Schwierige Arbeitsatmosphäre durch Kollegen

Die Arbeit im Büro wäre für mich oft angenehm, wenn da nicht „Basti“ wäre – ein Kollege, der überall seine Hände im Spiel hat. Er ist mit allen befreundet, wird ständig um fachliche Beratung gebeten, geht rauchen oder hält Schwätzchen. Diese „Massenaufläufe“ nehmen oft den ganzen Arbeitstag in Anspruch.

Für mich ist das eine Qual. Meine Gedanken, die eigentlich bei meiner Arbeit sein sollten, schweifen ständig ab und ich werde regelrecht zermürbt. Selbst ein MP3-Player hilft kaum, mich abzuschirmen. Am liebsten würde ich in einem ruhigen Büro für mich allein arbeiten. Wenn „Basti“ erst gegen 10:30 Uhr kommt, klappt das besser.

Unverständnis trotz Offenheit

Ich verstehe mich mit „Basti“, aber er versteht mich nicht wirklich. Ich habe allen Kolleginnen von meinem Klinefelter-Syndrom erzählt und Flyer verteilt, damit sie wissen, wie ich „ticke“. Er hat die Flyer zwar, aber seit fünf Monaten liegen sie ungelesen da. Wann er sie lesen soll, bei seinem vollen Terminplan, frage ich mich.

Ich glaube, das liegt auch daran, dass unsere Gesellschaft oft kein echtes Interesse am Anderen zeigt. Wenn man sich abgrenzt und nicht mit der Masse schwimmt, wird man kaum akzeptiert.

Befristung und Bewerbungen

Wie viele andere im Team bin auch ich nur befristet angestellt. Deshalb versuche ich, mich auf interne Stellen zu bewerben – bisher drei Mal. Die erste Stelle war wohl schon vergeben, die zweite entsprach nicht meinen Vorstellungen, und bei der dritten hatte ich echte Hoffnung, obwohl sie eine Gehaltsstufe niedriger war. Das Vorstellungsgespräch lief gut, doch am 08.07.2021 erhielt ich die Absage.

Mein Teamleiter wirkt auf mich, als nehme er mich kaum wahr. Kürzlich äußerte er sich vor der Tür, warum sich niemand auf die Stelle beworben habe – obwohl ich mich beworben hatte. Ich frage mich, ob mein Alter von 54 Jahren eine Rolle spielt. Ich fühle mich jung im Kopf, aber vielleicht wird das nicht akzeptiert.

Update 07.03.2022: Verlängerung und Herausforderungen

Wegen der Corona-Pandemie wurde meine Stelle bis zum 02.12.2022 verlängert – das gibt mir Sicherheit, aber dann ist leider Schluss, da die Befristung ohne Sachgrund maximal zwei Jahre erlaubt ist.

Die Arbeit hat sich geändert: Wir prüfen jetzt Leistungsbezüge KuG, was für mich wegen meiner Schwierigkeiten mit Lohnberechnungen sehr anstrengend ist. Oft bin ich fast verzweifelt und hatte Lust, alles hinzuschmeißen.

Positiv ist, dass ich auf meinen Wunsch hin ein ruhigeres Büro bekommen habe, das ich mir mit einer Kollegin teile. So habe ich zumindest freitags einen ruhigen Arbeitsplatz und ansonsten Homeoffice. Für Menschen wie mich, deren Behinderung nicht sichtbar ist, ist es schwer, richtig wahrgenommen zu werden. Ich habe das Gefühl, mein Teamleiter fühlt sich übergangen, weil ich nicht zuerst zu ihm kam – und nun leide ich darunter.

Update 14.01.2023: Neue Wege

Ich bin wieder auf der Suche nach beruflicher Erfüllung. Mein Teamleiter hat sich nicht für mich eingesetzt, sondern bevorzugt jüngere Kolleginnen, die wegen Corona alle verlängert wurden. Im Nachhinein bin ich froh, dort weg zu sein – Vetternwirtschaft ist kaum schlimmer.