Kapitel 5: Überlagerungen

Der Urlaub hätte eine Pause sein sollen.

Ein Abstand.

Ein Herauslösen aus etwas, das sich zu eng um ihn gelegt hatte.

Doch selbst weit weg von dem Gebäude blieb es nicht still.

Das „X“ reiste mit.

Es war nie an Orte gebunden gewesen.

Nur an ihn.

Schon am zweiten Tag begann es.

Zuerst harmlos.

Ein Gespräch in einem Café, das sich wiederholte – nicht exakt, aber in der Bedeutung. Dieselben Worte, andere Stimmen. Dasselbe Lachen, ein anderer Mund.

Dann intensiver.

Menschen, deren Gesichter für einen Augenblick „verrutschten“. Nicht körperlich – eher so, als würde eine zweite Version durch die erste hindurchscheinen.

Und jedes Mal dieses Gefühl:

Das gehört nicht zusammen.

Er begann zu verstehen, dass das „X“ nicht nur Dinge zeigt.

Es legt Schichten übereinander.

Wie zwei Filme, die gleichzeitig laufen – und nur er sieht beide.

Als er zurückkam, wirkte das Gebäude… vorbereitet.

Nicht sichtbar.

Aber bereit.

Die Glastür gab nach wie immer.

Der Geruch war derselbe.

Doch diesmal war er stärker.

Nicht alt.

Verdichtet.

Als hätte sich in seiner Abwesenheit etwas angesammelt.

Der Flur lag vor ihm.

Lang.

Still.

Und falsch in einer vertrauten Weise.

Er ging los.

Schon nach wenigen Schritten begann es.

Das Licht flackerte – und blieb gleichzeitig konstant.

Er sah beides.

Ein stabiler Gang.

Und ein zerfallender.

Für einen Sekundenbruchteil lag eine zweite Version über der ersten:

Die Wände dunkler.
Die Türen leicht geöffnet.
Etwas dahinter, das nicht stillstand.

Er blinzelte.

Die normale Welt kehrte zurück.

Doch das Gefühl blieb.

Dann sah er sie.

Joe.

Sie stand am Ende des Ganges, genau dort, wo er Wochen zuvor Ben gesehen hatte.

„Du bist wieder da“, sagte sie.

Ihre Stimme war… fast richtig.

Er ging auf sie zu.

Und mit jedem Schritt verschob sich etwas.

Nicht im Raum.

In ihr.

Ein Zittern, das nicht sichtbar war, sondern gespürt wurde.

Als würde ihre Existenz nicht ganz festgelegt sein.

„Joe… was ist passiert?“ fragte er.

Sie sah ihn an.

Und für einen Moment passierte es.

Das „X“ griff zu.

Ihr Gesicht blieb – und veränderte sich gleichzeitig.

Da war Joe.

So, wie er sie kannte.

Und darunter – oder dahinter – eine zweite Version.

Nicht fremd.

Aber angepasst.

Feiner.

Glatter.

Leerer an den Rändern.

„Du hast es ausgelöst“, sagte sie.

Ihre Lippen bewegten sich synchron – und doch kam der Satz leicht versetzt.

„Was ausgelöst?“

Ein Flackern.

Jetzt nicht im Licht.

In ihr.

Und dann sah er es.

Nicht mit den Augen.

Sondern mit dem Teil von sich, der durch das „X“ geöffnet wurde:

Eine Erinnerung.

Oder etwas, das sich wie eine Erinnerung anfühlte.

Das Buch.

„Lass uns Freunde sein“.

Wie es auf ihrem Tisch lag.

Doch das war nicht alles.

In der Überlagerung sah er eine zweite Version desselben Moments:

Das Buch lag da – aber der Titel war anders.

Die Buchstaben verschoben sich.

Kurz.

Unmöglich schnell.

„Lass Dich drücken“.

Sein Atem stockte.

„Das habe ich nicht—“

„Doch“, sagte Joe.

Jetzt beide Stimmen gleichzeitig.

Die echte.

Und die andere.

„Hier ist nichts nur das, was Du meinst.“

Der Flur reagierte.

Nicht sichtbar.

Aber spürbar.

Als hätte er zu viel gesehen.

Eine Tür hinter ihm öffnete sich.

Langsam.

Ohne Geräusch.

Er drehte sich nicht um.

Er wusste, dass dort etwas war.

Oder jemand.

„Kathe hat dich gesehen“, sagte Joe leise.

Und diesmal war es nur eine Stimme.

Fast.

„Sie sieht, was du veränderst.“

„Ich verändere nichts!“

Jetzt wurde seine Stimme laut.

Zu laut.

Der Flur schluckte sie nicht mehr.

Er gab sie zurück.

Verzerrt.

„Doch“, sagte Joe.

Und ihr Blick wurde klar.

Zu klar.

„Du bringst Dinge durcheinander.“

Ein weiterer Riss.

Für einen Moment sah er Kathe.

Nicht am Ende des Flurs.

Nicht real.

Aber anwesend.

Ihr Blick lag über allem.

Wie eine zweite Ebene über der Welt.

Beobachtend.

Messend.

Und interessiert.

„Das X…“ flüsterte er.

Joe nickte kaum merklich.

„Es ist kein Fehler“, sagte sie.

„Es ist ein Zugriff.“

Die Tür hinter ihm war jetzt weiter offen.

Kälte kroch in den Flur.

Langsam.

Absichtlich.

„Auf was?“ fragte er.

Joe machte einen Schritt zurück.

Oder zwei Versionen von ihr taten es.

„Auf das, was hier wirklich ist.“

Das Licht flackerte wieder.

Diesmal nur in einer der beiden Welten.

Und genau in diesem Moment verstand er etwas, das sich nicht mehr zurückdrehen ließ:

Das „X“ zeigte ihm nicht nur die Wahrheit.

Es machte ihn sichtbar für etwas, das zwischen diesen Wahrheiten existierte.

Und dieses Etwas…

hatte begonnen, zurückzuschauen.

Fortsetzung folgt….

Mosaikform des Klinefelter-Syndroms

Die Mosaikform laut Wikipedia

….entsteht durch Non-Disjunction der Geschlechtschromosomen während der mitotischen Teilung nach der Konzeption. Das überzählige X-Chromosom stammt in ungefähr der Hälfte der Fälle von der Mutter und in der anderen Hälfte vom Vater.

Das Klinefelter-Syndrom in Mosaikform ist eine besondere Variante des klassischen Klinefelter-Syndroms. Dabei liegt nicht in allen Körperzellen die typische zusätzliche X-Chromosomen-Konstellation vor.

🧬 Was bedeutet „Mosaikform“?

Beim klassischen Klinefelter-Syndrom haben alle Zellen den Chromosomensatz 47,XXY.
In der Mosaikform gibt es dagegen zwei Zelllinien im Körper:

  • ein Teil der Zellen: 46,XY (normal männlich)
  • ein anderer Teil: 47,XXY

👉 Man schreibt das z. B. als: 46,XY / 47,XXY

⚖️ Auswirkungen der Mosaikform

Die Symptome sind oft milder oder variabler als beim klassischen Klinefelter-Syndrom, weil ein Teil der Zellen „normal“ ist.

Typische mögliche Merkmale:

  • leichte bis moderate Testosteronmangel-Symptome
  • kleinere Hoden
  • eingeschränkte Fruchtbarkeit (aber nicht immer Unfruchtbarkeit!)
  • weniger ausgeprägte körperliche Merkmale (z. B. weniger Brustentwicklung)
  • manchmal normale Pubertätsentwicklung

👉 Wichtig: Manche Betroffene merken ihr Leben lang kaum etwas.

🧠 Häufige psychische und kognitive Besonderheiten

🗣️ Sprach- und Lernschwierigkeiten

  • leichte Verzögerung beim Sprechen in der Kindheit
  • Schwierigkeiten mit Wortfindung oder Ausdruck
  • manchmal Probleme beim Lesen/Schreiben

👉 Bei der Mosaikform oft nur mild oder gar nicht vorhanden

Selbstwert & Identität

  • Unsicherheit im Selbstbild („anders sein“)
  • geringeres Selbstvertrauen
  • erhöhte Sensibilität für Kritik

Das hängt oft stärker von Erfahrungen im Umfeld ab als von der Genetik allein.

😟 Emotionale Belastungen

  • erhöhte Neigung zu:
    • Angst
    • depressiver Stimmung
    • sozialem Rückzug

👉 Wichtig: Das ist kein Muss, sondern eine mögliche Tendenz.

👥 Soziale Interaktion

  • manchmal Schwierigkeiten, soziale Signale richtig zu deuten
  • zurückhaltendes Verhalten in Gruppen
  • eher ruhig oder introvertiert

Besonderheit der Mosaikform

Durch den Anteil normaler Zellen gilt oft:

  • viele Betroffene haben unauffällige psychische Entwicklung
  • Symptome sind leichter oder situativ
  • manche erhalten gar keine Diagnose, weil kaum Auffälligkeiten bestehen
  • langsames Arbeitstempo, rasches Erschöpfen und Ermüden
  • Lern-/Merkfähigkeit eingeschränkt (Kurz-/Langzeitgedächtnis)
  • Konzentrationsmangel – verminderte Aufmerksamkeit – Reizfilterschwäche
  • gedankliches Abdriften – Hang zum Träumen
  • Antriebsarmut – Motivationsprobleme – geringer Ehrgeiz – Passivität
  • Stimmungsschwankungen – erhöhte Veranlagung zu Depressionen
  • Schwierigkeit, Emotionen von sich selbst und anderen richtig zu erfassen und zu interpretieren (z.b. unerfreuliche Gesichtsausdrücke und Tonmelodie)
  • geringe Frustrationstoleranz–verminderte Flexibilität
  • Probleme in Selbstorganisation, strukturiertem Vorgehen, Lebensplanung
  • Kontaktarmut – soziale Anpassungsprobleme

Kapitel 6: Die Puppe mit den zwei Gesichtern

Kathe war anders als die anderen.

Nicht auf eine offensichtliche Weise. Nicht laut, nicht auffällig, nicht in dem Sinne, dass man sie sofort hätte benennen können. Es war eher etwas, das sich erst zeigte, wenn man länger hinsah. Wenn man begann, Muster zu erkennen, wo andere nur Alltag sahen.

Sie war da – und gleichzeitig nicht ganz da.

Auf der einen Seite war sie nur eine Mitarbeiterin unter vielen. Eingebunden in Abläufe, Gespräche, Routinen. Freundlich, kontrolliert, funktional. Eine Figur im System, die genau wusste, wann sie zu sprechen hatte und wann nicht.

Auf der anderen Seite jedoch hatte sie alle Fäden in der Hand.

So fühlte es sich zumindest für ihn an.

Ihre Blicke trafen ihn oft – zu oft. Durchdringend, abwägend, als würde sie jede seiner Bewegungen nicht nur sehen, sondern bewerten. Und egal, was er tat, es wirkte, als wäre es falsch. Als würde er in einem Spiel mitspielen, dessen Regeln sich ständig änderten.

Kathe war es gewesen, da war er sich sicher, die ihn von Anfang an nicht dabei haben wollte.

Nicht offen. Nicht direkt.

Aber spürbar.

Sie sprach mit den beiden Chef’s in einem Ton, der vertraut wirkte. Eingespielt. Als würde sie nicht berichten, sondern lenken. Ihre Worte hatten Gewicht, selbst wenn sie leise ausgesprochen wurden. Und wenn sie mit den Kolleginnen sprach, war da diese gleiche Selbstverständlichkeit – als würden alle unbewusst akzeptieren, dass sie den Rahmen setzte, in dem sich alles bewegte.

Nur bei ihm war es anders.

Oder er glaubte, dass es anders war.

Denn Kathe hatte zwei Gesichter.

Eines, das alle anderen sahen – ruhig, sachlich, angepasst an die Struktur des Hauses. Und ein anderes, das nur er wahrzunehmen glaubte. Ein Gesicht, das sich in kleinen Momenten zeigte: in einem zu langen Blick, in einem kaum merklichen Zucken der Mundwinkel, in der Art, wie Stille plötzlich schwer wurde, wenn sie den Raum betrat.

Er begann, Dinge zwischen den Zeilen zu lesen, die niemand sonst zu bemerken schien.

Vielleicht war es seine Art, die Welt zu filtern. Vielleicht lag es auch daran, dass er sich schon immer anders wahrgenommen hatte – geprägt durch seine eigene körperliche Besonderheit, das zusätzliche X-Chromosom, das er mit sich trug, verbunden mit dem Klinefelter-Syndrom.

Er hatte gelernt, genauer hinzusehen. Zwischen Worte zu hören. Bedeutungen zu suchen, wo andere sich mit dem Offensichtlichen zufriedengaben.

Doch hier im Haus schien genau das gefährlich zu sein.

Denn je mehr er glaubte zu erkennen, desto stärker wurde das Gefühl, dass die Grenzen zwischen Realität und Interpretation verschwammen.

Kathe sagte einmal seinen Namen.

Nur seinen Namen.

Nicht freundlich. Nicht feindlich.

Einfach nur feststellend.

Und in diesem Moment war er sich sicher, dass er in ihrem zweiten Gesicht etwas gesehen hatte, das niemand sonst je sehen sollte.

Oder wollte.

Fortsetzung folgt…..

Kapitel 4: Heute, Morgen, Gestern

Tage begannen, ohne wirklich anzufangen, und endeten, ohne je ganz vorbei zu sein. Manchmal war er sich sicher, eine Situation schon erlebt zu haben – nur, dass die Worte anders waren. Oder die Gesichter.

Heute fühlte sich an wie gestern.
Und gestern wie etwas, das noch kommen würde.

Inmitten dieses seltsamen Gleichgewichts trat sie auf.

Joe (Josephine)

Sie war neu – so wie er es einmal gewesen war. Und vielleicht war es genau das, was sie sofort verband. Mit ihr fiel es ihm leicht zu sprechen. Gespräche entstanden ohne Mühe, ein Lachen hier, ein kurzer Blick dort. Für einen Moment hatte er das Gefühl, nicht mehr außen zu stehen.

Nicht mehr allein zu sein.

Joe stellte Fragen. Viele Fragen. Anders als Tabea jedoch zielten ihre Fragen tiefer, vorsichtiger – als würde sie ein Bild zusammensetzen, dessen Vorlage nur sie kannte.

„Wie lange bist du schon hier?“ hatte sie ihn gefragt.

„Nicht lange“, antwortete er.

Sie hatte genickt.
Als wüsste sie genau, was das bedeutete.

So begann es.

Kein großes Ereignis.

Kein Flackern des Lichts.

Keine veränderte Luft.

Nur Gespräche zwischen zwei Menschen, die sich nicht erklären mussten.

Joe war anders als die anderen.

Nicht distanziert wie Nancy.

Nicht schwer zu greifen wie Jaqueline

Keine Doppelzüngigkeit wie Kathe.

Sie war einfach da.

Und sie lachte.

Die Tage wurden zu Gesprächen in Pausenräumen, zu beiläufigen Blicken über Bildschirme hinweg, zu kleinen Momenten, die sich nicht wichtig anfühlten – bis sie es plötzlich doch waren.

Es war diese Art von Freundschaft, die nicht benannt werden musste, um zu existieren.

Und genau das machte sie gefährlich schön.

Er hatte das Gefühl, dass sie ewig halten würde.

Nicht laut.

Nicht versprochen.

Einfach selbstverständlich.

Mit der Zeit veränderte sich etwas.

Zuerst kaum merklich.

Joe verbrachte mehr Zeit mit den anderen. Mit Kessy, mit Nancy, mit denjenigen, die sich scheinbar mühelos in die Struktur dieses Ortes eingefügt hatten. Ihr Lachen klang anders, wenn sie bei ihnen war. Angepasster. Leiser.

Beobachtender.

Er versuchte, es zu ignorieren.

Redete sich ein, dass es normal war. Dass jeder seinen Platz finden musste. Dass auch er Zeit gebraucht hatte – oder noch brauchte.

Doch dann kam der Moment, der sich einbrannte.

Am Tag vor seinem Urlaub blieb er länger im Büro.

Es war ruhig.

Zu ruhig.

Er sah Joe’s Platz an.

Und dann legte er etwas darauf.

Ein Kinderbuch.

Bunt. Einfach. Unpassend in diesem Ort, der keine einfachen Dinge mochte.

Der Titel glänzte fast trotzig:

„Lass uns Freunde sein“

Er wusste selbst nicht genau, warum es dieses Buch war.

Nur, dass es etwas in ihm beruhigte.

Als würde er damit etwas festhalten, das sonst verschwinden würde.

Am nächsten Tag war sie anders.

Nicht sichtbar.

Nicht laut.

Er hatte Urlaub und bekam eine verstörende Nachricht von ihr.

„Was sollte das?“, fragte Sie.

Er wusste nicht, was sie genau meinte.

„Das Buch.“

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

„Es ist nur… ein Geschenk.“

Ein kurzer Moment Stille.

„Du verstehst das hier nicht“, sagte sie leise.

Und in diesem Satz lag etwas Endgültiges, das er nicht greifen konnte.

„Was verstehe ich nicht?“, fragte er.

Doch sie antwortete nicht mehr.

Er merkte seine Angespanntheit.

Er spürte, wie sein Magen sich zusammenzog.

Doch in ihm blieb diese eine Frage hängen, die sich nicht beruhigen wollte:

Hat das „X“ wieder zugeschlagen?

Fortsetzung folgt…….

Kapitel 3: Atmosphäre

„Ah, da bist du ja“, sagte eine Stimme.

Der Druck in seiner Brust ließ ein kleines Stück nach.

Es war sein Boss. Ben.

Ganz normal. Kein Schatten, kein Phantom – nur ein Mann gehobenen Alters mit ruhigem Blick, der so wirkte, als gehöre er in genau dieses Gebäude, egal wie falsch es sich noch vor wenigen Minuten angefühlt hatte.

„Du hast dich wohl schon etwas umgesehen“, sagte Ben mit einem leichten Lächeln und deutete auf den Flur.

Er nickte zögerlich. „Ja… ich war kurz verunsichert. Die Atmosphäre hier ist… ungewöhnlich.“

Ben lachte leise. „Das sagen viele am Anfang. Du gewöhnst dich dran.“

Das Wort gewöhnst blieb einen Moment in seinem Kopf hängen, ohne dass er sagen konnte warum.

Sie gingen gemeinsam den Gang entlang. Und diesmal wirkte er kürzer.

Die Türen standen noch immer da, das Licht flackerte gelegentlich, aber etwas an der Szene hatte sich verändert: Die Stille fühlte sich weniger beobachtend an. Eher… erwartend.

Bens Büro war schlicht eingerichtet. Ein großer Schreibtisch, zwei Stühle, ein Regal mit Aktenordnern, die in perfekter Ordnung standen.

„Setz dich“, sagte Ben.

Er gehorchte.

Die nächsten Minuten verliefen fast normal.

Formulare. Verträge. Einweisung in Abläufe.

Dann wechselte das Gespräch, als hätte jemand einen unsichtbaren Schalter umgelegt.

„Wir sind hier ein kleines Team“, sagte Ben und lehnte sich zurück. „Jeder kennt jeden. Das ist wichtig.“

Er nickte.

„Und du wirst schnell merken, wer hier welche Rolle hat.“

Ben lächelte dabei, aber sein Blick wurde dabei etwas kühler.

Kurz darauf öffnete sich die Tür.

Seine neuen Teamplayer traten nacheinander ein.

Ruth zuerst, freundlich, fast zu freundlich, als würde sie ihre Stimmung bewusst anpassen.

Jaqueline folgte, ruhig, mit einem Blick, der alles zu registrieren schien, aber nichts verriet.

Kessy wirkte abwesend, als wäre sie gleichzeitig hier und woanders.

Betty, Nancy, Vicky und die anderen kamen nach und nach und stellten sich vor.

Dann kam Gabriel.

Kathe trat zuletzt ein.

Und der Raum veränderte sich.

Nicht sichtbar – aber spürbar.

Es war, als würde die Luft dichter werden.

Sie blieb nicht stehen wie die anderen. Sie nahm den Raum ein, ohne sich dafür zu bewegen.

Ihr Blick traf seinen direkt.

Und er hatte sofort dieses Gefühl.

Nicht neu.

Nicht unbekannt.

Eher wie eine Erinnerung, die man nie bewusst erlebt hatte, aber trotzdem erkennt.

Bei Kathe hatte er das Gefühl, sie würde hier die Firma leiten und alle anderen wären ihr untergeben.

Und dann war da noch etwas anderes.

Etwas in ihrem Gesicht, das sich nicht festlegen ließ.

Zwei Versionen gleichzeitig.

Die eine freundlich, beinahe warm.

Die andere kalt, kontrollierend – als würde sie ihn bereits bewerten, nicht als neuen Mitarbeiter, sondern als Variable in einem Experiment.

Er schluckte.

Dieses Ziehen in seinem Inneren verstärkte sich.

Ein Gefühl, das er schon kannte.

Nicht oft.

Aber genug, um es zu fürchten.

Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte – obwohl alles exakt so aussah, wie es sollte.

Kathe hielt seinen Blick einen Moment zu lange.

Dann lächelte sie.

Oder war es ein anderes Gesicht, das lächelte?

Er konnte es nicht sagen.

Ben räusperte sich. „Das ist unser Team.“

Die anderen nickten ihm zu.

Einstudiert.

Gleichzeitig.

Fast synchron.

„Sie werden dich einarbeiten“, fuhr Ben fort.

Gabriel ist dein direkter Vorgesetzter.

Doch er hörte kaum noch zu.

Sein Blick blieb an Kathe hängen.

Und tief in seinem Inneren spannte sich etwas weiter an.

Nicht Angst.

Noch nicht.

Eher das leise, unangenehme Wissen, dass er gerade etwas betreten hatte, das ihn bereits kannte.

Fortsetzung folgt…….

Kapitel 2: Verloren zwischen den Welten

Er wartete.

Nicht lange – zumindest glaubte er das. Doch in diesem Flur schien Zeit eine andere Bedeutung zu haben. Das Summen der Neonröhren wurde gleichmäßig, dann wieder unregelmäßig, als würde es atmen.

„Hallo?“ wiederholte er leiser.

Seine Stimme klang fremd. Zu dünn für den Raum, der sie verschluckte, bevor sie richtig entstehen konnte.

Er zwang sich, einen Schritt nach vorn zu machen.

Der Kies von draußen war längst verschwunden, ersetzt durch einen Bodenbelag, der weder neu noch alt wirkte. Eher… zeitlos. Jeder Schritt hallte zu spät nach, als würde der Klang erst nach ihm entscheiden, ob er existieren durfte.

Die erste Tür auf der linken Seite stand einen Spalt offen.

Er erinnerte sich nicht daran, ob sie das vorher auch getan hatte.

Langsam näherte er sich.

Drinnen: ein Büro. Stuhl, Schreibtisch, ein Computerbildschirm – schwarz. Alles wirkte bereit, benutzt zu werden, und gleichzeitig so, als hätte es seit Jahren niemand berührt.

Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier.

Er griff es nicht sofort.

Stattdessen hatte er das Gefühl, dass etwas im Raum ihn daran hinderte, zu schnell zu handeln. Als würde jede Bewegung beobachtet werden – nicht von Augen, sondern von dem Ort selbst.

Schließlich nahm er das Blatt.

Darauf stand nur ein Satz:

„Du bist pünktlich. Das ist selten.“

Er schluckte.

„Ist hier jemand?“, fragte er erneut, diesmal schärfer.

Keine Antwort.

Doch als er sich umdrehte, war die Tür hinter ihm nicht mehr einen Spalt offen.

Sie war vollständig geöffnet.

Und der Flur wirkte länger.

Unmöglich länger.

Als hätte sich der Raum selbst gedehnt, während er nicht hingesehen hatte.

Ein kalter Hauch strich durch den Gang, obwohl kein Fenster offen war.

Er trat zurück in den Flur.

Die Neonlichter flackerten.

Einmal. Zweimal.

Dann blieb eines ganz aus.

In der plötzlichen Dämmerung sah er es zum ersten Mal deutlich:

Am Ende des Korridors stand eine Gestalt.

Reglos.

Zu weit entfernt, um Details zu erkennen – und doch eindeutig da.

Er blinzelte.

Für einen Sekundenbruchteil war sie verschwunden.

Dann wieder da.

Ein Schritt näher.

Oder hatte er sich bewegt?

Sein Herz schlug schneller.

„Das ist nicht lustig“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu irgendwem.

Die Antwort kam nicht in Worten.

Stattdessen ging das Licht hinter ihm aus.

Und als er sich ruckartig umdrehte, war die Tür zu dem Büro geschlossen.

Nicht nur geschlossen.

Sie hatte kein Schloss mehr.

Keinen Griff.

Nur eine glatte Wand, als wäre sie nie dort gewesen.

Der Flur war nun in völlige Stille getaucht.

Kein Summen.

Kein Echo.

Nur er.

Und die Gestalt am Ende des Ganges, die nun einen weiteren Schritt machte.

Diesmal war er sich sicher.

Sie kam näher.

Die Gestalt im Flur löste sich, als hätte sie sich nie entscheiden können, ob sie wirklich existieren wollte.

„Ben…?“

Kapitel 1: Das Grauen kündigt sich an.

Es war ein schöner, warmer Septembermorgen. Die Straßen waren voller Fahrzeuge, ab und an rannten Menschen über die Fahrbahn, als würden sie gegen die Zeit selbst antreten. Er fuhr mit seinem Wagen zügig, aber nicht zu schnell durch die Landschaft, die sich langsam von der Enge der Stadt in offenere Straßen verwandelte.

Beim Warten an den Ampeln ließ er seinen Blick schweifen. Er beobachtete die Menschen um sich herum, versuchte, die Augen derjenigen einzufangen, die hastig über die Fußgängerüberwege eilten. Doch kaum jemand sah zurück. Die meisten waren gefangen in ihrer eigenen Eile, in Gedanken, die wichtiger schienen als ein flüchtiger Blickkontakt.

Es war sein erster Arbeitstag.

Das Gebäude, in dem er künftig arbeiten würde, lag am Rand der Stadt. Ein älterer Bau, unscheinbar zwischen moderneren Strukturen, fast so, als hätte man ihn einfach vergessen. Als er auf den Parkplatz einbog, fiel ihm auf, wie ruhig es plötzlich wurde. Kein Hupen, keine Stimmen – nur das leise Ticken des Motors, nachdem er den Wagen abgestellt hatte.

Er blieb einen Moment sitzen.

Irgendetwas fühlte sich… falsch an.

Nicht bedrohlich. Eher, als würde ein Ort ihn beobachten.

Er schüttelte den Gedanken ab, griff nach seiner Tasche und stieg aus. Der Kies unter seinen Schuhen knirschte unnatürlich laut, als wäre die Stille darum bemüht, jedes Geräusch hervorzuheben.

Am Eingang begegnete ihm niemand.

Die Glastür war nicht verschlossen.

Drinnen roch es nach etwas Altem. Nicht nach Staub – eher nach Zeit. Als hätte sich hier über Jahre hinweg etwas angesammelt, das man nicht einfach wegwischen konnte.

Ein Flur erstreckte sich vor ihm, lang und gerade, mit Türen auf beiden Seiten. Einige standen einen Spalt offen. Andere waren fest verschlossen.

Ganz am Ende des Ganges flackerte kurz das Licht.

Er blieb stehen.

„Hallo?“, rief er vorsichtig.

Keine Antwort.

Nur dieses leise Summen der Neonröhren – und für einen winzigen Moment war er sich sicher, dass sich eine der Türen… ganz langsam… weiter geöffnet hatte.

Ein zusätzliches X – eine Kurzgeschichte

Ich bin gerade dabei, eine Geschichte über eine für mich aufregende Zeit zu schreiben. Die Geschichte wird „fiktiv“ sein.

Es gibt schon die ersten Kapitelüberschriften. Teilweise sind auch schon Kapitel begonnen. Die ersten beiden Kapitel sind fertig.

Hier schon mal einige Überschriften:

Falls Euch die Geschichte gefällt, lasst einfach einen Kommentar da.

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