Tage begannen, ohne wirklich anzufangen, und endeten, ohne je ganz vorbei zu sein. Manchmal war er sich sicher, eine Situation schon erlebt zu haben – nur, dass die Worte anders waren. Oder die Gesichter.
Heute fühlte sich an wie gestern.
Und gestern wie etwas, das noch kommen würde.
Inmitten dieses seltsamen Gleichgewichts trat sie auf.
Joe (Josephine)
Sie war neu – so wie er es einmal gewesen war. Und vielleicht war es genau das, was sie sofort verband. Mit ihr fiel es ihm leicht zu sprechen. Gespräche entstanden ohne Mühe, ein Lachen hier, ein kurzer Blick dort. Für einen Moment hatte er das Gefühl, nicht mehr außen zu stehen.
Nicht mehr allein zu sein.
Joe stellte Fragen. Viele Fragen. Anders als Tabea jedoch zielten ihre Fragen tiefer, vorsichtiger – als würde sie ein Bild zusammensetzen, dessen Vorlage nur sie kannte.
„Wie lange bist du schon hier?“ hatte sie ihn gefragt.
„Nicht lange“, antwortete er.
Sie hatte genickt.
Als wüsste sie genau, was das bedeutete.
So begann es.
Kein großes Ereignis.
Kein Flackern des Lichts.
Keine veränderte Luft.
Nur Gespräche zwischen zwei Menschen, die sich nicht erklären mussten.
Joe war anders als die anderen.
Nicht distanziert wie Nancy.
Nicht schwer zu greifen wie Jaqueline
Keine Doppelzüngigkeit wie Kathe.
Sie war einfach da.
Und sie lachte.
Die Tage wurden zu Gesprächen in Pausenräumen, zu beiläufigen Blicken über Bildschirme hinweg, zu kleinen Momenten, die sich nicht wichtig anfühlten – bis sie es plötzlich doch waren.
Es war diese Art von Freundschaft, die nicht benannt werden musste, um zu existieren.
Und genau das machte sie gefährlich schön.
Er hatte das Gefühl, dass sie ewig halten würde.
Nicht laut.
Nicht versprochen.
Einfach selbstverständlich.
Mit der Zeit veränderte sich etwas.
Zuerst kaum merklich.
Joe verbrachte mehr Zeit mit den anderen. Mit Kessy, mit Nancy, mit denjenigen, die sich scheinbar mühelos in die Struktur dieses Ortes eingefügt hatten. Ihr Lachen klang anders, wenn sie bei ihnen war. Angepasster. Leiser.
Beobachtender.
Er versuchte, es zu ignorieren.
Redete sich ein, dass es normal war. Dass jeder seinen Platz finden musste. Dass auch er Zeit gebraucht hatte – oder noch brauchte.
Doch dann kam der Moment, der sich einbrannte.
Am Tag vor seinem Urlaub blieb er länger im Büro.
Es war ruhig.
Zu ruhig.
Er sah Joe’s Platz an.
Und dann legte er etwas darauf.
Ein Kinderbuch.
Bunt. Einfach. Unpassend in diesem Ort, der keine einfachen Dinge mochte.
Der Titel glänzte fast trotzig:
„Lass uns Freunde sein“
Er wusste selbst nicht genau, warum es dieses Buch war.
Nur, dass es etwas in ihm beruhigte.
Als würde er damit etwas festhalten, das sonst verschwinden würde.
Am nächsten Tag war sie anders.
Nicht sichtbar.
Nicht laut.
Er hatte Urlaub und bekam eine verstörende Nachricht von ihr.
„Was sollte das?“, fragte Sie.
Er wusste nicht, was sie genau meinte.
„Das Buch.“
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
„Es ist nur… ein Geschenk.“
Ein kurzer Moment Stille.
„Du verstehst das hier nicht“, sagte sie leise.
Und in diesem Satz lag etwas Endgültiges, das er nicht greifen konnte.
„Was verstehe ich nicht?“, fragte er.
Doch sie antwortete nicht mehr.
Er merkte seine Angespanntheit.
Er spürte, wie sein Magen sich zusammenzog.
Doch in ihm blieb diese eine Frage hängen, die sich nicht beruhigen wollte:
Hat das „X“ wieder zugeschlagen?
Fortsetzung folgt…….
