Meine Testosterontherapie

Seit nunmehr knapp 3 Jahren nehme ich Testogel 50 mg im Beutel. Ich kann jetzt endlich meine gemachten Erfahrungen teilen. Es war für mich sehr schwer, die richtige Dosis zu finden, mein jetziger Urologe kennt sich nicht wirklich mit dem Klinefelter Syndrom aus, noch dazu, wo ich diese tolle Sonderform (Mosaik 89 % 47 XXY, 11 % 46 XY) habe. Das ist jetzt schon der/die fünfte Urologe/Urologin in und um Erfurt, welchen ich besuche.

Ich schaue auch immer mal wieder in eine spezielle WhatsApp-Gruppe von der Deutschen Klinefelter-Syndrom Vereinigung e.V. Es gibt dort eine Menge Input zum Klinefelter-Syndrom. Manchmal stehen auch Werte dabei, wie viel jemand an Testosteron nimmt. Dann habe ich dies bei mir im Selbstversuch ausgetestet, leider hatte dies einen negativen Verlauf: Ich nahm zu viel, mein Blut verdickte sich und da bin ich als KSler nun mal anfällig. Als Folge bekam ich meine 2. Thrombose im linken Unterschenkel und 2 kleine Lungenembolien. Auch wurden meine Wesenszüge ziemlich machohaft, meinem Empfinden nach. Bei einem Blutbild, Anfang Juni, meiner damaligen Hausärztin (Allgemeinmedizin) sahen meine Blutwerte folgendermaßen aus:

Blutbild

Zu dieser Zeit nahm ich am ersten Tag einen Beutel (5 g mit 50 mg Testosteron), am zweiten Tag 2 Beutel und das dann immer abwechselnd.

Nach Thrombose und Lungenembolie führte mich mein Weg zu einem neuen Hausarzt, einem Angiologen und im Nachgang endlich auch zu einem Endokrinologen, welcher sich gut mit dem Klinefelter Syndrom auskennt.

Ab 30. August 2024 habe ich dann umgestellt auf einen Beutel Testogel alle 2 Tage.

Zurzeit fühle ich mich mit dieser Einstellung gut versorgt, auch meine Werte sehen gut aus. Falls ich merke, es geht mir nicht so gut, nehme ich zwischendurch noch einen Beutel Gel extra.

Blutbild

Update Februar 2025

Ich nehme jetzt einen Beutel Testogel 50 mg und fühle mich ganz wohl. Wenn ich schwierige Dinge auf der Arbeit zu erledigen habe und ich mich davor nicht so gut fühle, nehme ich auch schon mal 2 Beutel Testogel, das ist aber tagesformabhängig.

Am 07.04.2025 hatte ich eine Blutuntersuchung (welche ich beim Hausarzt selbst bezahle), um die für uns KSler wichtigen Blutwerte zu bekommen, welche da sind:

  • LH (luteinisierendes Hormon)
  • FSH (follikelstimulierendes Hormon)
  • Testosteron
  • Hämatokrit (Blutflüssigkeit)
  • DHT (Dihydrotestosteron)
  • SHBG (Sexualhormon-bindendes-Globulin)
  • Inhibin B

Laut meinem Hausarzt hat das Labor leider nicht alle Blutwerte bestimmen können. Es wurden lediglich folgende Werte bestimmt:

  • FSH, basal (ECLIA) 22,7 IU/l Normwert (1.5 – 12.4 IU/l)
  • LH, basal 9,07 IU/l (1.70 -8.60 IU/l)
  • Testosteron gesamt 12,72 nmol/l (6,71 – 25,72 nmol/l)

Schubladendenken

Sie können sich sicher vorstellen, dass meiner Person gegenüber so etwas immer wieder passiert. Manchmal habe ich das früher auch gemacht, nur um dazuzugehören, was bei meinen „Eigenarten“ echt schwer ist. Nein, Ihr könnt beruhigt sein, ich mache das nicht mehr.

Die Inspiration, einen Beitrag über dieses Thema zu schreiben, bekam ich letztens durch eine Reportage in den Medien über die „Wahre Geschichte von Lady Gaga“.

Bedeutung: An starren Kategorien orientierte, undifferenzierte, engstirnige Denkweisen festhalten (https://unipress.oeh-salzburg.at/)

Wenn man eine Person kennenlernt, egal ob es auf der Arbeit oder im Privatleben geschieht, wird sie in eine Schublade gesteckt. Nehmen wir an, es gibt einen Schrank und dort wiederum einige Schubladen. Auf der einen steht ‚arrogant‘, auf einer anderen ‚sympathisch‘, eine andere mit der Aufschrift ‚typisch Mann‘ und so weiter. Und nun schieben wir diese Person, die wir gerade kennengelernt haben und kaum etwas über sie wissen, in diese Schubladen.

Ich nehme mal mich als Beispiel: Ich sehe männlich aus, also komme ich auch in die Schublade „typisch Mann“. Dann bin ich vielleicht noch „sympathisch“, also rein damit.

Jetzt schauen wir uns mal die Bedeutung von „Männlichkeit“ an.

Unter Wikipedia steht dazu Folgendes: So gelten körperliche Größe, eine ausgeprägte Muskulatur, eine tiefe Stimme, breite Schultern, markante Gesichtszüge (insbesondere das Kinn) und eine starke Körperbehaarung (insbesondere der Brust) als typisch männliche Merkmale.

Die im westlichen Kulturkreis dem „Männlichen“ unausgesprochen oder ausgesprochen zugeschriebenen Stereotype sind:

  • (Körper-)Kraft – demgegenüber „weiblich“: (Körper-)Schwäche, Schönheit
  • markant, „eckig“ – demgegenüber „weiblich“: abgerundet, rund
  • rohe Sinnlichkeit – demgegenüber „weiblich“: Zartheit, ganzheitliche Erotik
  • Mut, Risikobereitschaft und Abenteuerlust – demgegenüber „weiblich“: Familiensinn, Furchtsamkeit, Zaghaftigkeit
  • Aggression im Sinne von aktivem Zupacken, Angriffslust bis hin zum Extrem: Gewaltbereitschaft – demgegenüber „weiblich“: Friedfertigkeit, Geduld, oder mentaler Widerstand beispielsweise in Gestalt von List
  • Führungsanspruch, Dominanz, Verlässlichkeit – demgegenüber „weiblich“: Duldsamkeit, Fügsamkeit, Wankelmut
  • Besonnenheit, Selbstbeherrschung, auch Gefühlskälte, Coolness – demgegenüber „weiblich“:  Impulsivität, Warmherzigkeit
  • technische und organisatorische Fähigkeiten – demgegenüber „weiblich“: soziale Kompetenzen
  • Rationalität, auch: Abstraktes Denken, Zielstrebigkeit, Eigensinn – demgegenüber „weiblich“: Einfühlsamkeit, Spontaneität, Anpassungsfähigkeit, Irrationalismus

Okay, seitdem ich Testosteron meinem Körper zuführe, habe ich markante Gesichtszüge bekommen, habe an Körperbehaarung zugelegt und auch meine Stimme hat sich verändert. Äußerlich passe ich in die männliche Schublade, aber was ist mit meiner Denkweise, mit meinem Inneren (seelisch)? Ich sehe mich da mehr auf der Frauenseite, da 89 % meiner Chromosomen ein zusätzliches X haben. Nun stecke ich aber in der „männlichen“ Schublade, was kann ich tun?

Wir haben alle solch einen Schrank mit Schubladen, in welche wir Menschen stecken. Ausschlaggebend für dieses Verhalten sind nicht die Intelligenz, sondern die Erfahrung, das Alter und sicher auch die Erziehung. In einer Schublade befinden sich viele nützliche Informationen zu einer Person, z. B. eine Vorstellung beziehungsweise eine Erwartung, wie diese Person sich verhalten soll oder eben nicht verhalten soll. Dadurch entsteht eine vorgefertigte Meinung. Diese Vorstellungen einer Person sind meist falsch und unvollständig, zudem basiert sie meist auf Vorurteilen und Klischees, mit denen man anderen oft Unrecht tut und schadet und es schränkt unsere Toleranz und das Weitdenken enorm ein.

Speziell in der Arbeitswelt wäre es sehr wichtig, auf Klischees und Vorurteile zu verzichten. Ich erfahre es immer wieder, dass ich mich in der „typisch-Mann-Schublade“ befinde, obwohl ich innerlich mit meiner Denkweise und meinem Verhalten in bestimmten Situationen mehr Richtung Frau tendiere. Aber ich zähle mich nicht tendenziell zur weiblichen Natur, nein, ich bin schon ein Mann, nur halt vom Fühlen und Denken nicht.

Testosteron

Testosteronmangel beeinträchtigt psychische Gesundheit

Dass das Sexualhormon Testosteron auch zahlreiche Auswirkungen auf die männliche Psyche hat, war bisher wenig bekannt. Dabei kann sich männlicher Hypogonadismus in Symptomen wie Niedergeschlagenheit oder Schlafstörungen bis hin zu einer Depression manifestieren.

Auf körperlicher Ebene ist Testosteron beim Mann unter anderem für den Erhalt der Muskelstärke und die penible Erektion verantwortlich. Kommt es zu einem symptomatischen Testosteronmangel, also einem männlichen Hypogonadismus, kann sich dies in typischen Symptomen wie Libidomangel, reduzierter sexueller Aktivität oder Dysfunktion sowie in einer Abnahme der Muskelmasse oder einer Zunahme des viszeralen Fettgewebes äußern. Aber auch für die psychische Gesundheit des Mannes spielt Testosteron eine entscheidende Rolle. Zum einen ist das Hormon wichtig, um das psychische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, das als positive Stimmung und allgemein gute Lebensqualität wahrgenommen wird; zum anderen steigert Testosteron auch die Motivation und die Fähigkeit eines Individuums, sozialen Status zu erlangen und zu verteidigen.

Generelle Motivation und Streben nach sozialem Status

Häufig wurden die von Testosteron geförderten Verhaltensmuster unter dem Konzept „Dominanzverhalten“ zusammengefasst. Heute weiß man, dass sie aber deutlich differenzierter zu betrachten sind. So äußert sich ein höherer Testosteronspiegel beispielsweise im verlängerten direkten Ansehen des Gegenübers, einem erhöhten Redeanteil im ­Gespräch oder in einer selbstbewussten Körperhaltung.

In welchem Verhaltensmuster sich ein höherer Testosteronspiegel äußert, hängt auch maßgeblich von der Persönlichkeitsstruktur bzw. von der „Selbstauffassung“ des Individuums ab. Das psychologische Konzept der Selbstauffassung (self construal) bildet die Grundlage für Wettbewerbsverhalten, sozialen Status, Risikoakzeptanz und Selbstwertgefühl. So zeigten in einer Studie mit 400 teilnehmenden Männern mit pharmakologisch erhöhtem Testosteronspiegel und unabhängiger Selbstauffassung (der Fokus liegt auf der Abgrenzung von sich selbst zu anderen) weniger Kooperations-, gleichzeitig aber mehr Risikobereitschaft. Mit Testosteron behandelte Männer mit einer „interdependenten Selbstauffassung“ (hier liegt der Fokus auf der Beziehung zu anderen) versuchten dagegen eher zu kooperieren, um Hilfe zu erlangen.

Die klinische Evidenz zum Zusammenhang von ­Testosteron und Psyche ist zwar noch unvollständig, doch die bisherigen Daten machen deutlich, dass Testosteron bei Männern sowohl die Psyche als auch psychovegetative Funktionen stark beeinflussen kann. Leidet ein Mann unter Hypogonadismus, kann sich dies entsprechend negativ auf ­psychische Parameter auswirken. So kann es zu Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit, Erschöpfung, Antriebslosigkeit und Müdigkeit, zu Schlafstörungen, einer Minderung der kognitiven Funktion oder auch zu Ängstlichkeit und Depression kommen. Die belastenden Symptome können die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken.

Da mein Körper nur sehr wenig Testosteron hergestellt hat bzw. eigenständig herstellt und ich dies leider erst 2018 inklusive der Zusammenhänge mit dem Klinefelter-Syndrom erfahren habe, bin ich fast mein gesamtes Leben durch den Alltag gestolpert. Das Schlimmste war dabei immer zu denken, ich sei nicht normal. Diese Einstellung vermittelten mir aber auch sehr viele Menschen, die mir am Herzen lagen. Selbst meine Mutter meinte immer, ich solle doch die Zähne zusammenbeißen und die Pobacken zusammenkneifen, wenn ich mal wieder Angst hatte, zur Arbeit zu gehen. Bedauerlicherweise ist meine Mutter 2015 verstorben, ich konnte ihr daher nicht den Zusammenhang mit meinem Wesen und meinem Handeln erklären.